"Süßes oder Saures"
Wenn ein Feiertag an Bedeutung verliert
Halloween.
Die Nacht, in der Kinder verkleidet von Tür zu Tür ziehen, um nach Süßigkeiten Drogen zu fragen. “Süßes oder Saures” ist der Zauberspruch, der an diesem Tag die junge Generation hypnotisiert. Und die sogenannten “Erwachsenen”? Die machen Party! Events sind ja überall. Halloween Party hier, Halloween Party da.
An all die Familien. Wie zaubert ihr an Halloween? Oder verflucht ihr es?
Ich kenns nur so: Sexy Krankenschwestern, Geister oder Teufelinnen die Musik und Drogen genießen missbrauchen. Ich liebe tanzen über alles, versteh mich nicht falsch. Und ich würde auch lügen, wenn ich sage, ich würde dort keine Substanzen konsumieren wollen. Was mir an solchen Veranstaltungen jedoch oft aufgefallen ist, dass der größte Teil dort ist, um lediglich Spaß zu haben. Und ich würde frech behaupten, dass das Label “Spaß”, dafür steht sich nicht fühlen zu müssen. Früher war ich ja schon das ein oder andere mal unterwegs. Auch letztes Jahr an Halloween. Alle wollen feiern, tanzen, Spaß haben und über irgendwelchen Bullshit labern. Die Männer geiern auf die Frauen und irgendwie fühlt sich das alles so primitiv an. Und ganz ehrlich. Ich will das garnicht schlecht reden. Das ist das größte High nach einer anstrengenden Arbeitswoche mal die Sau rauszulassen. Ich will aber an dieser Stelle über das aus dem Fenster geschmissene transformierende Potenzial solcher Zusammenkünfte sprechen.
Die vermeintliche Verbindungen, die dort entsteht lösen sich nach der Feiern nämlich oft in Luft auf. Zumindest bis zum nächsten Event. Wo man wieder gemeinsam “feiert”. So steckt man in einer Gemeinschaft Gemeinsamen Flucht vor der Wirklichkeit. Denn die Gemeinschaft wirkt nicht. Die ursprüngliche Bedeutung eines Feiertags geht unter.
Ein Feiertag
Am 1. November war Allerheiligen. Ein Feiertag in vielen Bundesländern in Deutschland. Und “Halloween” ist der Vorabend dieses allerheiligen Festes. Aber was feiern wir da eigentlich? Jeder Feiertag hat ja eine Bedeutung. Ja gerade der Feiertag ist der Moment, wo neue Bedeutung in die Zeit eintritt. Und aus dieser Bedeutung leben dann die Wochentage. Eugen Rosenstock Huessy sagt es schön:
„Am Alltag ändert sich nur die Welt; am Feiertag ändern wir uns.“
Also hab ich ChatGPT gefragt, wo Halloween eigentlich her kommt.
“Halloween ist ursprünglich ein keltisches Fest: Es geht auf das alte irische Samhain zurück, das den Übergang vom Sommer zum Winter markierte – also vom Leben in den Tod, vom Licht in die Dunkelheit. Die Kelten glaubten, dass in dieser Nacht die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Toten verschwimmen. Feuer sollten die Geister fernhalten, Masken sie täuschen. Mit der Christianisierung wurde daraus das Fest „All Hallows’ Eve“ – der Abend vor Allerheiligen, also Halloween. Im Kern blieb aber die alte Bedeutung: ein Fest des Übergangs, des Todes, der Wandlung.” - ChatGPT
“Ein Fest des Übergangs, des Todes, der Wandlung.” Die Kelten ehrten ihre Ahnen, dankten für die Ernte und stellten sich bewusst der Dunkelheit. Es war ein lebendiges Gespräch mit dem Tod.
Und diesen Feiertag zelebrieren wir heute mit Süßigkeiten und Party? ….
Wandel … ähhh …. Fehlanzeige.
Bei dem Wort “Party” bin ich aber noch unschlüssig. Die Kelten haben ja auch ums Feuer getanzt. Bestimmt auch getrunken. Gevögelt und whatsoever. Kann mir doch keiner erzählen. Der Unterschied ist in meinen Augen, dass die Kelten tanzten, um sich zu Erinnern. Wir tanzen, um das Leben zu vergessen. Ein Feiertag wird dadurch seelenlos. Eine Pause aus dem sonst so stressigen Alltag. Hauptsache raus. Hauptsache irgendwas geht ab. Oder einfach chillen und Horrorfilme schauen.
Ist zwar geil aber keine “Feier” im eigentlichen Sinne, sondern unfruchtbares Spiel. Ein Ritual ohne Opfer.
„Erst muß aus Spiel feierlicher Ernst geworden sein, ehe der blutige Ernst von dem Spiel Kenntnis nehmen kann. […]
Ohne die feierliche Hervorhebung bleibt Spiel Spiel. […]
So besteht ein ungeheurer Unterschied zwischen Spiel und Feier.
Die Feier ist der Schritt, durch den das Spiel zu Ernst wird,
und dieser Schritt dreht die falsche Reihenfolge – erst Ernst, dann Spiel – um
und setzt den Feiertag dem Wochentag vorauf.
-Eugen Rosentock Huessy
Ein Wochentag
“Und setzt den Feiertag dem Wochentag vorauf.” Das ist spannend!
Der Feiertag ist demnach nicht die “Belohnung unserer Arbeit”. Nicht der Alltag bringt den Feiertag hervor sondern der Feiertag bringt den Alltag hervor. Der Feiertag gibt dem Alltag Bedeutung, Richtung und Sinn. Ohne ihn wäre die Woche nur Wiederholung. Erst wenn der Mensch sich am Feiertag erneuert, kann der Alltag wieder fruchtbar und lebendig werden.
In anderen Worten: Wenn die Feier nicht unseren Alltag ändert - war sie fürn Arsch. Also mal ehrlich: Warum tanzen wir wirklich? Warum gehen wir auf Raves?
Du wirst jetzt vielleicht sagen, wir tanzen, um den Stress abzuschütteln. Um einfach mal zu sein. Die Musik zu fühlen, das Leben zu feiern. Ja – das klingt schön. Ist aber wie ein Beinbruch mit einem Plaster zu heilen. Es bringt nicht. Die Ursache des Stresses liegt ja gerade im Alltag.
Warum tanzen wir also nicht im Alltag? In der Küche, im Büro, im Bus? Warum brauchen wir bestimme Räume, Lichtershows, Beats, und Alkohol, um uns zu bewegen? Um loszulassen. Beziehungen zu knüpfen.
Jeder, der sagt, er tanze nur für sich allein, der lügt. Vielleicht tanzen wir, um gesehen zu werden? Um gespürt zu werden? Ein Tanz braucht doch immer einen Gegenüber. Selbst wenn es nur die Musik ist, die dich führt.
Tanzen wir nur für uns allein, dann ist es keine Feier sondern Unterhaltung.
Du kommst und gehst, ohne Begegnung, ohne Zeugnis. Tanzen. Singen. Feiern. Das sind keine Hobbys, das sind Antworten auf das Leben. Sie verbinden uns, nicht mit der Musik, sondern miteinander.
„Wenn wir gemeinsam singen, leben wir miteinander in einem inneren Raum.
Unsere Seelen bilden eine Seele. Wir sind von einem Geist beseelt; wir sind einmütig.
[…]
Die Seele des Menschen ist, wenn er isoliert ist, nicht „seine“ Seele.
Immer wenn er seine Seele öffnet, kommuniziert er.
Wenn wir singen, sind wir weniger von anderen Seelen entfernt als in anderen Formen der Kommunikation.“ -Eugen Rosentock Huessy
Auf solchen Festen spüren wir sie – die Liebe, die Connection, die Leichtigkeit.
Für einen Moment scheint alles möglich. Wir finden Freunde, umarmen Fremde, tanzen, als gäbe es kein Morgen. Doch das Morgen kommt. Immer. Und dann sitzen wir wieder in der U-Bahn, auf den Weg zur Arbeit, mit denselben müden Gesichtern und denselben Gesprächen über nichts … plötzlich ist alles wieder grau. Als hätte das Wochenende nie stattgefunden. Als wäre das, was wir da gespürt haben – diese Nähe, dieses Brennen, diese kurze Ahnung von Freiheit – nur ein chemischer Irrtum gewesen.
Doch tief in uns wissen wir: Es war echt. Für einen Moment waren wir verbunden. Mit dem Leben, mit den anderen, mit uns Selbst. Es hat nur keine Wurzeln geschlagen. Weil wir vergessen haben, wie man aus einem Moment Geschichte macht.
Genau das ist das Problem: Wir feiern, aber wir verwandeln nicht. Wir reden, aber wir bezeugen nichts. Unsere „Feste“ sind wie Funken ohne Feuer. Hell, aber kurz Vielleicht war der Sinn von Festen nie, dem Alltag zu entkommen, sondern ihn neu zu erschaffen. Vielleicht war Tanzen nie Selbstzweck, sondern ein uralter Weg, sich einzuschwingen in die gemeinsame Wirklichkeit.
Und vielleicht – ganz vielleicht – war das der Punkt, an dem Halloween einmal begann: Ein Ritual, das den Tod nicht kommerzialisiert, sondern “anbetet” und erinnert. Erinnerung ist nämlich keine Nostalgie, sondern eine Form der Gegenwart. Sie bindet Vergangenheit und Zukunft aneinander. Solange wir feiern, um zu vergessen, werden wir am Ende leerer aufwachen, als wir eingeschlafen sind. Aber wenn wir wieder feiern, um uns zu erinnern –an das, was uns trägt, verbindet und erneuert – dann könnte jeder Feiertag wieder heilig werden. Zu einem Gebet.
Und wenn du glaubst, das “beten” langweilig sei, dann hast du nicht verstanden, was ein Gebet ist.
Ein wirkliches Gebet nimmt den Rave mit in den Alltag!
„Beten heißt, die Gabe der Sprache so gereinigt und geläutert aus dem Munde des Herrn der Sprache zurück zu empfangen, daß sie mit der Kraft von Cäsars Münze vor der toten Welt in die lebendige Zukunft hineinwirken wird. […] Das Gebet ist der Vorgang des Ausjätens dieser nach außen zwar passenden, aber für künftig mich lähmenden Redensarten. Das Gebet vereinfacht mich, so daß mein Wort wieder so gilt wie am ersten Tage, da ich zu sprechen lernte.“ -Eugen Rosentock Huessy


Sehr schön geschrieben. Von wem ist denn das Zitat am Ende?